Die Alten bringen's!

Dass der grassierende Jugendwahn uns nicht weiter bringt, hat sich inzwischen schon rumgesprochen - aber leider nicht bei allen Winzern. Amélie d'Hurlaborde (auf dem Foto mit ihrem Mann Jérôme) hat seit jeher Respekt vor dem Alter und hat auf diesem Gedanken ein Weingut gegründet. Mas d'Amile heißt ihre rund 4,5 Hektar kleine Domaine im malerischen Weinort Montpeyroux, gut eine Stunde nördlich von Montpellier gelegen. Amile - das ist der Name, den ihr Großvater der kleinen Amélie gegeben hat, weil er sich nichts sehnlicher wünschte als einen Enkel, seine kleine Enkelin dann aber doch  heiß und innig liebte. Und so wie Amélie ihren Großvater liebt, so liebt sie auch den wohl größten Schatz ihrer kleinen Domaine: rund zwei Hektar von um die 80 Jahre alten Carignan-Rebstöcken. Vor gut vier Jahren hängte sie ihren Job als Weinberaterin an den Nagel und begann, ihren eigenen Wein zu machen. Heute nennt sie ihre Domaine "das wohl kleinste und jüngste Weingut von Montpeyroux". Stolz zeigt sie uns die von Wildkräutern gesäumten, fast schon an Bäume erinnernden, knorrigen Reben. Amélie und ihr für die Vinifikation zuständiger Bruder Sébastian Carceller arbeiten unter größtem Respekt vor der Natur. Ohne Spritzmittel, mit reichlich Grün zwischen den Reben, um die Artenvielfalt zu maximieren, geerntet wird ausschließlich von Hand, im Weinkeller sind industrielle Hefen für die Gärung Tabu.

Wer das alles weiß, ist nicht überrascht von der Qualität, die ins Glas kommt. Der "Vieux Carignan" duftet herrlich nach reifen roten Früchten, einem Hauch weihnachtlicher Gewürze und einer Spur Pfeffer. Samtig, cremig und mit einer Spur perfekt ausbalancierter Säure fließt er durch die Kehle. Ein idealer Gastronomiewein, den wir, wenn wir ein Restaurant hätten, ganz oben auf die Karte setzen würden. Die relativ neue Cuvée Montpeyroux bietet noch eine Spur mehr Kraft und Röstnoten vom kleinen Holzfass, ist aber kein bisschen weniger Elegant. Und der ganz neue Wein "Petitou" ist ein Zechwein im edelsten Wortsinne: in der Nase ein Korb roter und schwarzer Früchte, unterlegt mit dezenten Würznoten, am Gaumen herrlich saftig und dennoch fleischig, aber fast ohne Gerbstoffe. Noch immer atmet die junge Domaine, Mas d'Amile, den Charme eines Garagen-Weinguts: der Weinkeller ist in der Garage von Bruder Sébastian (der übrigens hauptberuflich im Keller der Winzerlegende Alain Chabanon arbeitet) untergebracht, das Lager im Keller von Opi Paul. Ein Neubau soll Anfang 2016 in Betrieb gehen. Wir wünschen der unglaublich offenen, gastfreundlichen Amélie, ihrem sympatischen Mann Jérôme und dem ganzen Team viel Glück damit - und uns, dass wir nächstes Jahr ein paar Fläschchen von ihrem herrlichen, aus der raren Terret-Traube vinifizierten Weißwein ergattern können!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0